Katalogtext: StandOrte, Locations, Köln 2010
 
Dr. Frank Schmidt
 
StandOrte
 
Wo entstehen Kunstwerke? Der rezeptionsästhetische Ansatz, nach dem Bilder im Kopf des Betrachters und vor dem Hintergrund von dessen soziologischer, kultureller und individueller Prägung entstehen, muss hier einmal außer acht gelassen werden. Vielmehr sollen die verschiedenen Produktionsorte betrachtet werden. Für ihre jüngste Werk–Serie sucht Marina Herrmann zumeist Metropolen wie New York, Tokyo, Shanghai oder Dubai, aber auch das vergleichsweise überschaubare Frankfurt auf. Dort widmet sie sich einer der spektakulärsten Aufgaben von Architekten und Städteplanern, den zumeist Banken beherbergenden Hochhäusern. Im Unterschied zur Aufnahme etwa eines Architekturfotografen werden uns mitunter verwackelte Ansichten, Ausschnitte, Spiegelungen oder Details der Architektur präsentiert. Die Künstlerin scheint mehr an allgemeinen Strukturen von Wolkenkratzern, denn an spezifischen Merkmalen des einzelnen Gebäudes interessiert zu sein. Und doch vermitteln die Bilder ländertypische Besonderheiten, geben eine Vorstellung von dem sich gegenseitig bedingenden Geflecht von Gebäude, Stadt und deren vielfältigen kulturellen und sozialen Bezügen. Da es sich um ein offenes, noch lange nicht abgeschlossenes Projekt handelt, können hierfür im Zuge weiterer Reisen andere Standorte erschlossen werden. Marina Herrmann lässt es jedoch nicht bei einer typologischen Sammlung fotografischer Eindrücke bewenden. In einem weiteren Schritt eignet sie sich die Bauwerke an, indem sie das wechselseitige Verhältnis von Abbild, Wirkung und Identität thematisiert.
 
Der zweite und ungleich wichtigere Entstehungsort des Werkes ist das Atelier. Hier wird die fotografische Vorlage nochmals am Computer verfremdet und in ein malerisches Umfeld eingebettet. Durch eine lasierende Übermalung der Fotografien werden diese selbst in ihrer materiellen Präsenz zu Malerei. Die bereits mehrfach gebrochene Realität der Architektur tritt in Dialog mit der malerischen Interpretation der Künstlerin. Die verschiedenen Bedeutungs– und Wirkungsebenen finden dabei ihren sichtbaren Ausdruck im mehrteiligen Gestaltungsprinzip der Werke. Einzelne tiefe Bild–Kästen — jeweils mit unterschiedlichen Motiven — fügen sich zu einer Art Polyptychon. Angeregt durch die verfremdete fotografische Vorlage findet Marina Herrmann Farben und ornamentale Formen, die sie in Bezug zu dieser setzt. Die außerbildliche Realität hat ein Gegenüber erschaffen, das noch auf jenes verweist, darüber hinaus aber auch eine autonome Bildsprache beansprucht. So erscheinen die Ornamente und abstrakten Farbflächen ebenso real oder künstlich wie die Fotografien. Können letztere zwar noch für sich in Anspruch nehmen, eine Referenz zum ursprünglichen Gebäude herzustellen, sind erstere in einem auf sich selbst verweisenden Sinne konkret. Die faktische Unterteilung in einzelne Bild–Kompartimente unterstreicht dies. Ein Teil des Polyptychons kann die anderen nicht rekonstruieren. Allein durch die Verbindung aller Teile fügt sich das Bild.
 
Marina Herrmann schafft so eine irritierende Bildrealität, die wiederum auf die Ausgangssituation, jene urbanen Architekturen, verweist. So befinden sich auch die einzelnen Hochhäuser immer in Abhängigkeit zu anderen Gebäuden, dem Viertel und schließlich zur ganzen Stadt. In der Gruppe der schmalen, hochrechteckigen Hochhausarbeiten wird die Ambivalenz zwischen isolierter Architektur auf der einen und notwendiger Nachbarschaft und Einbettung auf der anderen Seite besonders deutlich. Verweist das Format auf ihre signifikante bauliche Gestalt, so verhindern die undurchdringlichen gläsernen Fassaden den Blick ins Innere der Gebäude. Auf sich selbst zurück geworfen, muss sich der Betrachter seines eigenen Standortes vergewissern. Wenn er dabei jedoch die gerne als “signature architecture” bezeichneten Wolkenkratzer lediglich als Symbole des Geldes und der Macht deutet, übersieht er einen wichtigen, die Werke auszeichnenden Aspekt: die Analyse der ästhetischen Qualitäten der Architektur sowie Marina Herrmanns besonderes Gespür für Texturen, für farbliche und malerische Momente.
 
Die Bilder spiegeln sowohl das komplexe Gefüge moderner Urbanität als auch — in der Wahl der Mittel und Methoden — den malerischen Diskurs. Der Ort des Motivs und dessen Verortung im Kunstwerk treten in einen anregenden, sich gegenseitig befruchtenden Dialog. Die Frage nach dem StandOrt stellt sich immer neu.